Die ursprüngliche blaue „Frakta“-Tasche kam Anfang der 1990er Jahre auf den Markt. Entworfen wurde sie von den Geschwistern Knut und Marianne Hagberg und sollte den Werten des demokratischen Designs entsprechen: funktional, nachhaltig und für alle erschwinglich. Durch das Zusammenspiel dieser Faktoren ist die ursprüngliche blaue „Frakta“ zu einem der berühmtesten Designobjekte der letzten 30 Jahre geworden. Millionen der sofort erkennbaren blauen Taschen sind jeden Tag auf den Straßen der ganzen Welt zu sehen und dienen so als optimaler, mobiler Werbeträger der weltweit größten Möbelkette.
Seit 2016 wurde „Frakta“ von verschiedenen Designern und Modemarken neu interpretiert, wobei viele von ihnen der visuellen Identität des Originals treu geblieben sind. Im Jahr 2019 brachte IKEA dann die optisch abweichende „Kvanting“ auf den Markt. Seit der Markteinführung fließt ein großer Teil des Erlöses aus dem Verkauf der Tasche an verschiedene Menschenrechtsorganisationen, die Programme für LGBTQIA+-Personen auf der ganzen Welt finanzieren. IKEA positioniert sich als langjährigen Befürworter der LGBTQIA+-Community: Das Unternehmen selbst ist Mitglied verschiedener Pride-Organisationen, nimmt in Gleichstellungsrankings für Arbeitgeber Spitzenplätze ein und übernimmt im Rahmen seiner Krankenversicherung einen Teil der Kosten für geschlechtsangleichende Behandlungen.
Doch selbst IKEA kann sich dem unvermeidlichen Paradoxon eines global agierenden Konzerns nicht entziehen. Einerseits gibt es in bestimmten Ländern eine unverhohlene und wegweisende Unterstützung, wie 1994 mit dem ersten landesweiten Fernsehspot in den USA, in dem offen ein schwules Paar dargestellt wurde. Andere Regionen sind mit staatlich veranlasster Zensur konfrontiert: Als Russland, damals IKEAs fünftgrößter Markt, 2013 ein „Homosexuellen-Propaganda“-Gesetz verabschiedete, entfernte die Firma ein lesbisches Paar aus der russischen Ausgabe seines Katalogs. Im selben Zeitraum wurden Frauen aus der saudi-arabischen Katalogausgabe digital entfernt.
Kann man IKEA das allzu bekannte „Pinkwashing“ vorwerfen, nämlich die Aneignung der Identität einer Gemeinschaft durch billige, margenstarke Plastikprodukte mit Regenbogenmotiven, ohne die Werte einer Bewegung strukturell zu verankern? Oder ist ein starkes Engagement für Diversitätsfragen – in Teilen der Welt, in denen dies rechtlich möglich ist – das Höchste, was man von einem globalen Unternehmen erwarten kann?