Dritter Teil der Ausstellungsreihe 111/99
Kraftvolle Farben, abstrakte Formen und konstruktivistische Muster auf Tassen, Tellern und Tortenplatten: die Spritzdekore auf der Alltagskeramik der 1920 und 1930er verkörpern eine andere Moderne als die sachliche, monochrome Keramik im Sinne von Werkbund und Bauhaus. Aufgetragen mit rationalisierter Spritz- und Schablonentechnik bringen sie die Bildmotive der avantgardistischen Malerei von der Leinwand auf den Küchentisch.
Keramik mit Spritzdekor bleibt selbst zur Zeit der Weltwirtschaftskrise ein günstiger Modeartikel, der in hunderten Dekorvarianten hergestellt und vertrieben wird und auf ökonomischer, gesellschaftlicher, technischer und künstlerischer Ebene die Diskurse der Zeit repräsentiert: das Verständnis von künstlerischgestaltender Arbeit, das Verhältnis von individuell geprägtem Einzelstück und anonymer Massenware, von Form und Ornament.
Warum verschwindet das populäre Spritzdekor Mitte der 1930er Jahre aus dem Warenangebot? In welchem Verhältnis steht es zum Kanon der klassischen Moderne? In welchem Zusammenhang stehen die Dekore zu den Bildmotiven der künstlerischen Avantgarde und deren Verfemung als »entartet« durch die Nationalsozialisten? Diesen Fragen geht die Ausstellung mit hunderten Beispielen aus privaten Sammlungen nach.
Zur Ausstellungsreihe
Das Werkbundarchiv – Museum der Dinge zeigt im Kontext des Bauhausjahres seit November 2018 bis Ende 2019 eine Ausstellungsserie unter dem Titel »111/99 – Fragen zur Gestaltungssprache der Moderne«.
Zwölf Jahre liegen zwischen der Gründung der Reformbewegung Deutscher Werkbund 1907 und der stilbildenden Kunstschule Bauhaus 1919 – im Jahr 2018 wurde der Deutsche Werkbund 111 und das Bauhaus 99 Jahre alt. Die Jubiläumsdaten als Zahlenspiel aufgreifend, hinterfragt das Werkbundarchiv – Museum der Dinge die programmatischen Schnittmengen beider Institutionen in der Entwicklung einer Gestaltungssprache der Moderne.
Warum haben sich bestimmte Merkmale als Kennzeichen für Modernität entwickelt und gelten trotz aller kritischen Reflexion bis heute als gesetzt: Materialien wie Glas, Stahl, Beton; Begriffe wie Sachlichkeit, Dekorlosigkeit, Funktionalität oder die Reduktion der Farbigkeit auf die Grundfarben und das Spektrum zwischen Weiß und Schwarz. Warum hat sich das von sozialen, politischen und ökonomischen Debatten geprägte Lebensreformkonzept von Werkbund und Bauhaus auf die starre Eindeutigkeit eines rein ästhetisch verstandenen Gestaltungsrezepts oder Musterbuchs reduziert?
Diese Fragen werden in aufeinander folgenden Ausstellungen thematisiert:
Reklamekunst statt Kunstgewerbe
23. November 2018 – 11. März 2019
Einzelstück oder Massenware?
4. April – 9. September 2019
Dekor als Überbegriff?
11. Oktober 2019 – 13. April 2020