„Die Sehnsucht nach gestern hat selbst eine Geschichte – und die sagt viel über die Gegenwart.“
Tobias Becker
Das Gefühl von Nostalgie haben vermutlich alle schon einmal persönlich erlebt. Aber auch gesellschaftlich spielt die Sehnsucht nach dem besseren Gestern eine Rolle.
Nostalgie dient Tobias Becker als Schlüssel zum Verständnis der deutschen Gesellschaft. In seinem Buch untersucht er den Umgang des geteilten und wiedervereinigten Deutschlands mit seiner Vergangenheit: Die Wiederentdeckung der „Goldenen Zwanziger“ durch die Jugend der 1960er Jahre, die Rückkehr der Nazi-Vergangenheit in Form des Persilscheins, die Zuschreibung von Nostalgie als „westlich-kapitalistisches Phänomen“ im geteilten Deutschland. Tobias Becker hinterfragt, warum sich heute die Ostalgie, nicht aber die Westalgie im Duden findet.
Nach Becker verrät der Begriff der Nostalgie mehr über diejenigen, die ihn verwenden, als über die, auf die er angewendet wird. Ob Retrotrends in der Popkultur oder die Geschichtspolitik populistischer Parteien: Im Blick aufs Gestern zeige sich, wer wir heute sind – oder sein wollen.
Am 5. November um 19 Uhr präsentiert der Historiker und Kurator Tobias Becker sein Buch und diskutiert mit dem Journalisten und Autoren Jens Bisky über den Begriff der Nostalgie und seine Instrumentalisierung in Politik und Gesellschaft.
Die Veranstaltung ist kostenfrei und ohne Anmeldung.
Tobias Becker lehrt deutsche und europäische Geschichte als DAAD-Gastprofessor an der Karls-Universität Prag und als Privatdozent an der Freien Universität Berlin. Zuvor war er am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und am Deutschen Historischen Institut London tätig. Er forscht zur Geschichte der Nostalgie, der Populärkultur, des Verbrechens und aktuell zu Erinnerungen an Weimarer Republik und Exil.
Jens Bisky, geboren 1966, war lange Jahre Feuilletonredakteur der Süddeutschen Zeitung und arbeitet seit 2021 als geschäftsführender Redakteur des Mittelweg 36 am Hamburger Institut für Sozialforschung. Er ist Autor mehrerer Bücher. 2017 verlieh ihm die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay. 2024 erschien „Die Entscheidung. Deutschland 1929 bis 1934.“